Ich nutzte die Zeit, bis die Fähre über den Peel River wieder in Betrieb war. Ich muss mich jedes Mal überwinden, diese Arbeit zu machen. Etwa alle 5000 Kilometer mache ich eine Reifenrochade. Das heisst, das Reserverad kommt hinten rechts, hinten rechts wird vorne rechts und so weiter. So werden alle Reifen gleichmässig benutzt. Am schwierigsten ist die Montage des Reserverads hinten unter dem Van. Ich habe grössere und breitere Reifen als die Originalreifen. Der Platz ist sehr knapp und ein Rad wiegt über 40 kg.
Die beiden Französinnen, die ich im letzten Blog erwähnte, kommen aus der Region Fribourg. Mit Velohelm und Moskitonetz vor dem Gesicht hatte ich keine Ahnung, mit wem ich ein paar Worte wechselte. Der Mann einer der Frauen ist mit dem Töff unterwegs. Er hat mich einmal auf dem Klondike Highway überholt.
Seit einigen Jahren ist eine Familie aus dem Waadtland mit einem Van unterwegs. Der etwa 13-jährige Sohn und die 15-jährige Tochter schlafen jeweils in einem Dachzelt hoch oben auf dem Van.
Am späteren Nachmittag des vierten Tages wurde bekannt, dass die Fähre über den Peel River wieder in Betrieb ist. Gleich losfahren wollte ich jedoch nicht. Ich nahm mir vor, diesmal gemächlicher unterwegs zu sein. Am Abend zuvor hatte ich überlegt, umzukehren und nach Alaska zu fahren. Nach dem Aufstehen übte ich mich in Geduld und dachte, dass ich es eventuell später bereuen würde, wenn ich umkehre. Ich weiss nicht, ob ich noch einmal in diese Gegend komme. Am Abend kamen einige ‹Gestrandete› aus dem Norden in Eagle Plains an.
Zunächst dachte ich, dass das Wetter schlechter wird. Es war jedoch nicht das Wetter, sondern der Rauch von den Waldbränden, die einige hundert Kilometer östlich wüteten. Nach fünf Tagen musste ich die Servicebatterie laden. Sie hatte noch 23 % Kapazität. Die grosse Lithiumakku liefert mir Energie zum Kochen, für den Kühlschrank und das Licht. Strom von aussen gibt es in Eagle Plains nicht. Also muss ich fahren, um die Batterie zu laden. Ein zusätzlicher Alternator liefert die notwendige Energie. Bis zur Vollladung braucht es etwa zweieinhalb Stunden fahrt. Ich habe auch noch Trinkwasser aufgefüllt.
Bis zur Fähre sind es 170 Kilometer. Nach 36 Kilometern überquert man den Polarkreis. Ohne eine Tafel würde man dies nicht bemerken. Später erreicht man die Grenze von Yukon zu den Northwest-Territories (NWT). Dies ist auch eine Zeitzonengrenze. Die Zeitdifferenz zu Mitteleuropa ändert sich von -9 Stunden zu -8 Stunden. Mein Tag wird um eine Stunde kürzer. Der Dempster Highway wird von der YK 2 zur NT 8, er wird breiter und besser befahrbar.
Kurz vor Fort McPherson tanke ich Diesel. Ich hatte Probleme mit der Bedienung. Ich gab alles richtig ein und wollte tanken. Doch die Pumpe schaltete sich nicht ein. Ich hängte den Einfüllhahn wieder ein und versuchte es erneut. Diesel liess sich nicht mehr auswählen. Ein junger Mann, vermutlich ein Einheimischer, kam auf die andere Seite, und ich liess ihm den Vortritt. Ich erklärte ihm, dass es bei mir nicht funktioniert hatte. Wie eben ein junger Mann einem alten Trottel erklärt, der anscheinend nicht zurechtkommt, versuchte ich es mit seiner Hilfe noch einmal. Ich liess ihn gewähren. Am Schluss sagte er den entscheidenden Satz, dass es zeitweise länger dauert, bis die Pumpe einschaltet. Okay, ich übte mich in Geduld, trotz der vielen herumfliegenden Mücken. Nach gefühlten zehn Minuten, in Wirklichkeit aber etwa einer Minute, schaltete sich die Pumpe ein. In Fort McPherson gibt es acht Plätze für Wohnmobile mit Blick auf einen See, die zur freien Verfügung stehen.
Vor der Weiterfahrt kaufte ich im Supermarkt ein paar Sachen ein. Hier sind alle Gebäude Zweckbauten. Wer schöne Häuser anschauen will, fährt nicht auf die Dempster Highway. Die Leute bleiben besser in Dawson City oder einer anderen alten Goldgräberstadt. Der Supermarkt sieht aus wie eine Lagerhalle. Nur das Schild „Co-op” weist darauf hin, dass ich vor dem richtigen Gebäude stehe. Eine Treppe führt zu zwei Metalltüren ohne jegliche Beschriftung. Hinter der Tür befindet sich ein Vorraum, vermutlich um die schmutzigen Schuhe abzustreifen. Es ist vieles erhältlich. Die Auswahl an mehr oder weniger frischem Gemüse und Früchten ist klein, Kühlschrank, Kochherd und ATV (Quart) sind auch erhältlich. Die Preise sind recht hoch. Die junge Kassiererin war noch nie am Arktischen Ozean. Anfang August soll ein Festival in Fort McPherson stattfinden. Schade, denn dann bin ich leider nicht mehr da. Wo ich dann bin, weiss ich noch nicht. In vergleichbaren Ortschaften in den USA sieht man hauptsächlich Pick-ups umherfahren, hier hingegen ATVs. Am Strassenrand sehe ich immer wieder Schneemobile, die auf den Winter warten.
Nach 60 Kilometern stehe ich vor der Fähre, die mich über den Mackenzie River bringt. Diese Fähre fährt frei, ohne an einem Kabel angehängt zu sein. Lange musste ich nicht warten. Nach dem Mackenzie River wird die Landschaft flach und die Strasse führt kilometerweit geradeaus. Neben der Strasse gibt es immer wieder kleine Weiher oder Seen. Kurz vor Inuvik wollte ich zu einem Aussichtspunkt. Am Morgen hatte ich mich vorsorglich mit Antimückenmittel eingestrichen. Anscheinend ist die Wirkung nur kurzfristig. Ich kehrte schnell wieder um. Vor 3 Jahren war ich schon einmal dort. Mit mir kamen auch Dutzende Mücken in den Van. Die Mücken sind wirklich eine grosse Plage.
In Inuvik fuhr ich zuerst zur Dumpstation. Vor einer Woche habe ich meinen Grauwassertank das letzte Mal geleert. Die Benutzung ist gratis, den Schlüssel, um den Abfluss zu öffnen, bekommt man im Campingbüro. Eine Frau kam und fragte mich, ob dies die Dumpstation sei. Ich fragte sie, ob sie Deutsch spricht. Nach ihrem Aussehen und ihrem Sprechen vermutete ich richtig. Ein paar Meter neben der Dumpstation gibt es einen Trinkwasserhahn mit einer entsprechenden Tafel. Der kurze Schlauch am Hahn irritierte die Frau. Dass man diesen einfach abschrauben, den eigenen Schlauch anschliessen und danach den anderen wieder anschrauben kann, war ihr fremd. Sie holte den Mann aus dem Büro des Campingplatzes und liess sich alles von ihm erklären. Dazu musste er das Fussballspiel auf seinem Handy unterbrechen. Sie meinte, sie müsse sicher sein, dass sie ihrem Mann alles richtig sagt. Da bekam ich Erbarmen mit dieser Frau.
In der Nähe des Freizeitzentrums fand ich einen Platz ohne das Schild „No Overnight Parking or Camping”. Die Benutzung des Hallenbads und der Duschen ist für alle kostenlos.
In der Nacht wurde ich nicht gestört. Erst um 11 Uhr öffnete das Freizeitzentrum, also liess ich mir am Morgen Zeit. Ich benutzte eine Dusche im Familienbereich. Im Gegensatz zur Gemeinschaftsdusche in der Männergarderobe hat jede Dusche ihren eigenen Raum.
Die 154 Kilometer lange Strasse nach Tuktoyaktuk zählt offiziell nicht mehr zur Dempster Highway. Die Inuvik-Tuktoyaktuk Highway (ITH, NT 10) wurde im November 2017 eröffnet. Die Arbeiten an der Dempster Highway begannen 1956 und wurden erst 1978 bis Inuvik fertiggestellt. In der Strassenbibel „The Milepost” werden auf der ITH acht Brücken und etwas über 300 Kurven aufgeführt. Ich habe nicht nachgezählt. Die ersten 100 Kilometer sind eine Wellblechpiste. Danach wird es besser. Grosse Steigungen und Gefälle gibt es nicht. Beim Fahren höre ich die Autobiografie «Wir können nicht alle wie Berta sein» der Schauspielerin Eva Mattes. Vieles im Hörbuch erinnert mich an meine frühere Arbeit als Theatertechniker. Allerdings habe ich Eva Mattes nie beleuchtet.
Kurz vor dem Ziel sehe ich einige Pingos. Das sind Erdhügel, die bis zu 50 Meter hoch werden. Gefrorenes Wasser in der Permafrostzone wirft die Erde auf. Früher wuchsen die Pingos jedes Jahr um einige Zentimeter. Durch die Klimaerwärmung beginnen sie jedoch zu schrumpfen. Wie in den Alpen hält der Permafrost hier die Erde nicht mehr ausreichend zusammen, sodass die Küstenlinie abbricht. Rings um die nördliche Spitze von Tuktoyaktuk wurde ein Wall aus grossen Steinen errichtet. Vor drei Jahren lagen diese Steine noch nicht hier.
Um an der Spitze zu übernachten, muss man im Tourismusbüro eine Gebühr bezahlen. Die Öffnungszeiten sind von 10:00 bis 12:00 Uhr.
Vermutlich stehen viele eine Nacht lang gratis hier. Ich möchte zwei Nächte bleiben und fahre am Morgen zum 3,5 km entfernten Büro. Im Fenster hängt ein Zettel mit der Aufschrift „We are open”, an der Tür steht „Back in 10 minutes”. Die zehn Minuten waren nach 25 Minuten um. Bei meiner Rückkehr konnte ich den Van auf den schönsten Platz stellen. Er bot einen schönen Panoramablick auf den Ozean und ich konnte die Leute beobachten, wie sie sich vor der blauen Tafel „Arctic Ocean” fotografierten. Das habe ich ja auch gemacht.
Um 3 Uhr früh wurde ich von einem hupenden Auto geweckt. Bald danach schlief ich wieder ein. Kurz vor 8 Uhr weckte mich ein kurzes Gewitter. Später blieb nur noch leichter Regen. Leider hielt der Regen die Mücken nicht ab. Bei leichtem Regen staubt die Strasse nicht mehr, bei zu viel Regen wird sie stellenweise sehr matschig. Leider wäscht der Regen den Van nicht, sondern er wird noch schmutziger. In Inuvik fuhr ich deshalb zuerst zu einer Waschanlage. Mit einem Hochdruckreiniger spritzte ich den gröbsten Schmutz weg. Danach gönnte ich mir eine Dusche.
Vor der Weiterfahrt füllte ich Trinkwasser auf und leerte den Grauwassertank. Im Supermarkt kaufte ich einige Lebensmittel ein. Im ersten Stockwerk gibt es Kleidung und Haushaltsartikel, im zweiten Stock Lebensmittel. Beim Anschauen der T-Shirts und Hoodies kam mir ein Kommentar zu einem meiner Beiträge auf Facebook in den Sinn. Eine Frau schrieb, sie sei 2018 mit ihrem Mann die Dempster Highway gefahren und es sei reiner Horror gewesen. Ich kaufte mir ein Hoodie mit der Aufschrift „I survived the Dempster Highway” (Ich habe die Dempster Highway überlebt). Ich bin schon einige tausend Kilometer Schotterstrasse gefahren, daher ist für mich die Dempster Highway in keiner Weise ein Horror. Man muss ein wenig planen und genügend Vorräte einkaufen. Die Reifen sollten noch sehr gut sein und ein Reserverad sollte mit dabei sein, welches man auch selber wechseln kann. Die Tankstellen liegen bis zu 360 Kilometer auseinander und den Trinkwasservorrat muss man gut im Auge behalten. Alle Gegenstände sollten so verstaut sein, dass sie nicht kaputtgehen und während der Fahrt keinen Lärm verursachen. Klapperndes Geschirr kann nämlich sehr nervig sein. Ich habe ‹richtiges› Geschirr. In meinem ‹Zuhause› möchte ich nicht aus Geschirr aus Kunststoff essen oder trinken. Die 1860 Kilometer von Dawson City nach Tuktoyaktuk und zurück bin ich zum zweiten Mal gefahren. Mit einer Partnerin, die genauso neugierig auf diese nordische Landschaft ist wie ich, würde ich die Strecke auch noch ein drittes Mal fahren. Ich finde den Dempster Highway interessanter als den Dalton Highway in Alaska, der parallel zur Trans-Alaska-Pipeline verläuft. In Alaska sind viel mehr Lkws unterwegs zum grössten US-Erdölfeld in der Prudhoe Bay.
Trotz Regen wurde ich ausserhalb des Vans von Mücken überfallen. Es regnete nicht so stark, dass die Strasse matschig wurde. Je weiter ich nach Süden fuhr, desto schwächer wurde der Regen. Die Fähre über den Mackenzie River hatte Mühe, wegzukommen. Sie kam mit vier Personenwagen und ein paar Motorrädern an. Zurück war sie voll. Zwei leere Lkws, vier Pkws und ich waren mehr Gewicht. Sie sass am Ufer fest. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis die Fähre wieder frei schwamm. Es gibt keine feste Anlegestelle, die Fähre fährt einfach auf das Ufer. In Fort McPherson blieb ich auf dem gleichen Platz wie bei der Hinfahrt über Nacht.
Ich hatte vergessen, dass vom 17. bis 19. Juli in Dawson City ein Musikfestival stattfindet. Als ich das in Dawson City sah, dachte ich nicht, dass ich so lange auf dem Dempster Highway unterwegs sein würde. Und auch nicht, dass ich wegen des Ausfalls der Peel-River-Kabelfähre fünf Tage warten muss. Einfach durchzufahren, um das Festival zu geniessen, ist mir aber zuwider. Wenn ich so weiterreise, würde ich am letzten Tag in die volle Stadt ankommen. Ich nutze die Zeit, um meine Fotosammlung auf dem PC zu aktualisieren, und lese weiter im faszinierenden Buch «Die Kunst der Freude» von Goliarda Sapienza in der neuen Übersetzung. Goliarda Sapienza schrieb das über 700-seitige Buch zwischen 1967 und 1976, in dem sie 60 Jahre italienische Geschichte anhand der Sizilianerin Modesta beschreibt. Ich meine, Goliarda Sapienza war ihrer Zeit weit voraus. Sie erlebte den Erfolg ihres Buchs nicht mehr. Im Buch finden sich Sätze wie:
«Ist den Liebe nicht Sex? Sex ist das Kind der Liebe und umgekehrt. Was ist Liebe ohne Sex? Eine Statuten-, eine Madonenverehrung. Und Sex ohne Liebe? Eine Schlacht der Genitalien, nichts weiter.»
«Die Hochzeit, Jacopo, ist ein absurder Vertrag, der Mann wie Frau gemeinsam demütigt. Für mich ist es so, wenn du einen Mann triffst, der dir gefällt, liebst du ihn, bis … na, ja, so lange es eben dauert … Und dann lässt man einender frei, wenn möglich als gute Freunde.»
Bei dicken Büchern schrecke ich oft davor zurück, dass es mich irgendwann langweilt, so lange bei der gleichen Geschichte zu bleiben. Bei diesem Buch war es nicht der Fall. Alle meine Bücher sind E-Books, denn ich habe keinen Platz im Van für eine richtige Bibliothek.
Gegen Abend wurde es recht kühl in Fort McPherson. Zum Schlafen legte ich eine zusätzliche dünne Wolldecke über meine Bettdecke. Am Morgen schaltete ich die Heizung ein. Bei 11 °C im Van war es fürs Frühstück zu ungemütlich. Bald danach wärmte die Sonne jedoch ausreichend.
Diesmal schaltete sich die Dieselpumpe an der Tankstelle erstaunlicherweise sehr schnell ein. Auf der Peel-River-Kabelfähre war ich das einzige Fahrzeug. Das Wetter war angenehm zum Fahren. Aufgrund der Vibrationen löste sich immer wieder die hintere Verriegelung der seitlichen Schiebetür. In Eagle Plains strich ich mich erst mit Antimückenmittel ein, richtete das Schloss und schmierte es. Nebenan stand ein kleiner deutscher Camper mit einem Ushuaia- und Feuerland-Sticker. Ich sprach den Mann im Camper an. Er war mit seiner Frau schon in Südamerika unterwegs und ist jetzt für ein halbes Jahr in Kanada. Er findet die Dempster Highway eine Zumutung und wird vielleicht noch bis zum Polarkreis fahren und dann wieder zurück. Auch die Baustellen auf der Klondike Highway fand er untragbar. Ich dachte mir nur: Vielleicht ist er der falsche Mensch am falschen Ort.
Natürlich gibt es immer wieder Abschnitte, in denen man sich auf die Strasse konzentrieren muss. Vor allem auf der Weiterfahrt in Richtung Dawson City. In der Nacht begann es zu regnen und die ersten 100 Kilometer waren stellenweise matschig. Die Wolken hingen tief. Teilweise war es neblig. Nach einem kleinen Pass wurden die Richardson Mountains sichtbar und der Regen liess nach. Bei den Ogilive Mountains kam die Sonne durch. In der Nähe des Ogilive River fuhr ich auf einen grösseren freien Platz mit Sicht auf einen Weiher und Berge. Beim Hinfahren erinnerte ich mich, dass ich vor drei Jahren auch schon einmal hier gestanden hatte. Später kam ein alter, umgebauter School-Bus angefahren. Eine junge Familie mit vier kleinen Mädchen stieg aus. Am Abend kamen zwei weitere Camper. Um halb elf zog eine kurze Regenfront mit einem schönen Regenbogen vorbei.
Beim Frühstück sah ich im Augenwinkel eine Bewegung. Es war ein grosser schwarzer Kojote. Bis ich den Fotoapparat in den Händen hatte, war er schon ein Stück weiter. Kurz darauf kam ein kleinerer brauner Kojote. Diese konnte ich durch die schmutzigen Fenster besser fotografieren. Später kam ein grösserer brauner Kojote.
Die Sonne schien und es wurde warm. Der Dempster Highway war noch feucht genug, sodass kein Staub aufgewirbelt wurde. Immer wieder sah ich Erdhörnchen über die Strasse rennen. Einmal hielt ich wegen einer Familie Ptarmigan (Schneehühner) an. Zunächst windet sich die Strasse am Ogilive River entlang, danach am Engineer Creek. Neben einem roten Camper mit Berner Kennzeichen hielt ich kurz an. Die Frau war ganz erstaunt, als ich sie auf Schweizerdeutsch ansprach. Sie fahre bis Tuktoyaktuk, denn sie mache ganze Sachen. Übrigens komme sie nicht aus Bern, sondern aus Spiez.
Kurz vor dem North Fork Pass im Tombstone Park stellte ich den Van etwas abseits der Strasse neben einen kleinen Bach. Der Bach ist dicht von hohem Gebüsch eingewachsen. Eine Tafel, die verbietet, hier zu übernachten, gab es nicht. Ob es wirklich erlaubt ist, weiss ich nicht. Ich gehe das Risiko ein, weggeschickt zu werden. Es ist ein fast mückenfreier Platz und es ist warm genug, um draussen zu sitzen. Gegen Abend besucht mich eine Familie Ptarmigan. Aus sicherer Distanz mustern sie mich. Das Panorama auf die Berge gefällt mir. Das dichte Gebüsch verhindert jedoch einen Spaziergang.
Am Morgen habe ich darüber nachgedacht, was ich in Dawson City alles machen muss. Diesel und AdBlue (hier heisst es DEF) tanken, den Van innen und aussen, mich und Wäsche waschen, einkaufen, den Blog publizieren, überlegen, wie es weitergeht, und so weiter. Das Wetter war schön und es gab kaum Mücken. Beim Besucherzentrum des Tombstone Parks machte ich einen kurzen Halt. Dort sah ich auf einer Tafel die Aufschrift „Grizzly Lake Trail Path open”. Erst da kam mir in den Sinn, dass es neben dem Müssen auch ein Können gibt. Ich bin in Rente, habe Zeit und keinen Fahrplan, den ich einhalten muss. So kann ich meine morgendliche Müssen-Liste ganz leicht aus meinem Gehirn streichen. Um halb zwölf war ich auf dem Wanderweg-Parkplatz. Das heisst, der Weg ist kein Wander-, sondern ein richtiger Bergweg. Für die 11,2 Kilometer (ein Weg) bis zum Grizzly Lake war es zu spät. Bis zum ersten Aussichtspunkt, der drei Kilometer entfernt ist, werde ich es aber sicher schaffen. Die Höhendifferenz habe ich mir nicht wirklich angesehen. Der erste Teil des Weges führt durch den Wald. Bald wurde der Weg schmaler und ich musste immer mehr auf die quer über den Weg verlaufenden Wurzeln achten. Bald ging der schattige Wald in Gebüsch über. Zunächst schlängelte sich der Weg in Serpentinen den Hang hinauf. Dann ging es fast nur noch gerade die Bergflanke aufwärts. Beim steilsten Stück verdeckte eine Wolke die Sonne. Die Wolke kam zu rechten Zeit, mir lief nur so der Schweiss. Zwischendurch bekam ich Zweifel an meiner Kondition. Beim dritten Aussichtspunkt auf 1650 m ü. M. Nach 4.8 Kilometern, 720 Höhenmetern und 2:10 Stunden machte ich eine längere Pause und kehrte danach um. Mit müden Beinen kam ich beim Van an.
In Dawson City fuhr ich auf den gleichen Campingplatz wie vor drei Wochen. Als Einziges von meiner Kopf-Müssen-Liste duschte ich ausgiebig. Zum Selberkochen hatte ich keine Lust, also holte ich mir eine Pizza.
Am nächsten Morgen blieb ich noch länger im Bett liegen. Nach dem Frühstück und den neuesten Horrormeldungen aus dem Weltgeschehen fuhr ich zur Autowaschanlage. Nach 35 Minuten mit dem Hochdruckreiniger – es gibt nichts anderes – war der Van halbwegs wieder sauber. Hier muss man AdBlue in 2,5-Gallonen-Behältern kaufen. Nach dem Einkaufen und der Abfallentsorgung begann ich, die Teppiche im Van zu putzen. Ich hoffte, dass sie bei dem warmen Wetter bis zum Abend trocknen würden. Sie wurden gerade so trocken.