Von Hansueli auf Sonntag, 01. November 2026
Kategorie: Nordamerika

Vancouver und Vancouver Island

Vancouver, die Grossstadt im Südwesten Kanadas, ist nicht die Hauptstadt der Provinz British Columbia. Die kleinere Stadt Victoria auf Vancouver Island ist die Hauptstadt. Für fünf Nächte stelle ich den Van auf einen Campingplatz neben der Lions Gate Bridge in West Vancouver. Den Platz kenne ich von einem früheren Besuch. Ich kaufte vorher genügend ein, damit ich den Van stehen lassen kann. Das schöne Wetter am ersten Tag nutze ich für einen ausgiebigen Spaziergang durch den nahe gelegenen Ambleside Park und am Strand entlang. Nach rund fünf Kilometern erreiche ich den Ambleside Beach. Hier endet der direkte Weg am Wasser entlang. An diesem Strand stehen drei Palmen. Zwei Frauen legen ihre dicken Bademäntel ab und gehen ins Wasser. Sie schwimmen eine Weile im kühlen Meer. Zum Schwimmen wäre mir das Wasser zu kalt.



Kurz vor der Brücke gibt es eine Bushaltestelle. Von dort fahren regelmässig Busse in die Innenstadt. Am nächsten Tag nutzte ich die Gelegenheit und fuhr in die City. Die Innenstadt ist voll mit unterschiedlich gestalteten Hochhäusern. Alte Häuser sind selten. Im ehemaligen Gerichtsgebäude ist die Vancouver Art Gallery untergebracht. Besonders gut gefiel mir die Ausstellung «That Green Ideal: Emily Carr and the Idea of Nature». Emily Carr (1871–1945) war eine prägende Künstlerin aus der Provinz British Columbia. Vor allem ihre Landschafts- und Baumbilder aus den 1930er Jahren faszinierten mich. Auf den wenigen Bildern mit Menschen waren mir die Gesichter zu düster – ein Gegensatz zu den Landschaften. Danach hatten es die anderen Ausstellungen schwer mit mir. Nach der Kunst genehmigte ich mir ein Gelato, bevor ich zum Coal Harbour hinunterging. Neben vielen Bootshäfen gibt es dort auch einen Wasserflughafen. Dort entschied ich mich, die etwas über sechs Kilometer bis zum Van zurückzulaufen. Zunächst lief ich am Wasser entlang, dann durch einen Park und zuletzt über die grosse, 1936 erbaute Lions Gate Hängebrücke.



Trotz des schönen Wetters blieb ich den ganzen nächsten Tag im Van und stellte den letzten Blogbeitrag zusammen. Am letzten Tag auf dem Campingplatz stand Haushalten auf dem Programm. Ich wusch Wäsche, putzte den Van innen ein wenig gründlicher und befreite den Kühlschrank vom vielen Eis.



Ich hatte vergessen, dass man für die Fähre nach Vancouver Island eine Vorabbuchung braucht. So konnte ich erst die Fähre um 16 Uhr nehmen. Die Überfahrt von der Horseshoe Bay nördlich von Vancouver zur Departure Bay in Nanaimo dauert eineinhalb Stunden. Eine Freundin schrieb mir, ob ich schon einmal Nanaimo Bars probiert habe. Diese Süssigkeit war mir noch nie aufgefallen, geschweige denn hatte ich sie schon einmal probiert. Nach der Fähre fuhr ich nordwärts. Einen möglichen Schlafplatz verwarf ich, als ich daran vorbeifuhr. Auf der Karte sah er schöner aus. Ich fuhr 21 Kilometer weiter bis zum Beach Front Park beim Ort Qualicum Beach. In der Nacht ist die Strasse am Ufer entlang recht ruhig.



Dem Van und mir gönnte ich einen Tag Pause. Am Nachmittag spazierte ich in den Ort und besuchte das kleine Museum. Dort werden viele Fossilien und Knochen längst ausgestorbener Tiere ausgestellt. Ein Teil der Ausstellung widmet sich der Urbevölkerung. Ihr Kalender war ein Mondkalender, von Vollmond zu Vollmond. Der Oktober heisst «T’aqa», Salal-Beere. Diese Beere wächst im pazifischen Nordwesten. Ich habe Geburtstag im Monat «Łakht», dem langen Mond. Nach dem Museum schaute ich mich im ruhigen Ort um. In der Sonne kam das leuchtende Laub der Bäume voll zur Geltung. In einem Café trank ich einen sehr bitteren Espresso.



Als ich am Morgen mein Handy einschaltete und die Meldung über die sehr kritische Lücke in der Web-Programmiersprache PHP las, war ich froh, dass ich in Rente bin. PHP ist Open Source und die meistbenutzte Programmiersprache im Internet. Auch meine Webseite ist in dieser Sprache programmiert. Betroffen von dieser Lücke war die Software, die direkt auf dem Server läuft und die den Programmiercode umwandelt und zu einer Webseite zusammensetzt. Die Seite wird anschliessend über das Internet an das Endgerät gesendet. Vor 12 Jahren hätte ich eine längere Nacht durchmachen müssen, um die Server abzusichern. Meine Website war einige Stunden offline. Es war Aufgabe meines Providers, den Server abzusichern, auf dem meine Website und andere, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Inhalte laufen. So konnte ich in Ruhe frühstücken und mich für die Weiterfahrt bereitmachen. Der Zeitunterschied zwischen der Schweiz und Vancouver Island beträgt zur Sommerzeit minus 9 Stunden.



Zunächst fuhr ich auf dem Alberni Highway am Cameron Lake vorbei nach Port Alberni. Die Stadt liegt am Ende des 46 Kilometer langen Meerarmes Alberni Inlet. Die Strasse nach dem Küstenort Bamfield folgt nicht dem Alberni Inlet. Der Wald beidseits der Strasse wird industriell genutzt. In Port Alberni befindet sich eine grosse Papierfabrik. Während der Fahrt kamen mir hauptsächlich Holztransporter entgegen. Ein Teil des Ortes Bamfield liegt auf der Insel Mills Peninsula und ist nur mit dem Boot erreichbar.



Ausserhalb des Ortes stelle ich den Van auf den Parkplatz des Magestic Old Growth Trail. Das Gebiet gehört dem Stamm der First Nations Huu-ay-aht. Am Abend spazierte ich auf dem Weg und kam zu einem alten Baum, um den herum eine Plattform gebaut wird. Das gesamte Waldstück ist noch ursprünglicher pazifischer Regenwald.



Der Weg ist das Ziel, wie es so schön heisst. Und so war es auch bei meiner Wanderung. Auf der Karte sah ich den sieben Kilometer langen Cape Beale Lighthouse Trail, der durch den Wald zum Leuchtturm führt. Vor vielen Jahren wurde der Wanderweg mit viel Aufwand angelegt. Mir schien, dass er danach der Natur überlassen wurde. Vermutlich eignet sich die Wanderung besser für eine trockene Jahreszeit als für den Spätherbst. Ich reduzierte mein Ziel unterwegs auf die Hälfte der Strecke bis zum Strand der Tapaltos Bay. Etwa 400 Meter vor dem Strand gab ich auf. Ich hatte genug vom Tanzen auf rutschigen, nassen Wurzeln, vom Versuch, dem morastigen Weg und den grossen Pfützen auszuweichen. Ich war froh, dass ich lange Beine habe und mein Gleichgewicht noch gut ist. Weder der Leuchtturm noch der Strand motivierten mich genug, um weiterzugehen. Für die Nacht blieb ich noch einmal auf demselben Parkplatz, umringt von alten Bäumen.



Auf der gleichen Strasse wie auf dem Hinweg fuhr ich nach Port Alberni zurück. Es gibt keine alternative Route. Nach einer ausgiebigen Dusche im Echo Community Centre stellte ich den Van auf dem Parkplatz vom Victoria Quai Park am Ufer des Samass River ab. In dem kleinen Park steht in einem Glashaus die Skulptur eines indigenen Walfangkanus, das Nuu-Chah-nulth Whaling Canoe. Noch erstaunlicher sind für mich die beiden «Welcoming Figures». Es sind zwei überlebensgrosse indigene Holzfiguren, eine Frau und ein Mann. Beide stehen in derselben Haltung und sind nackt. Der Mann steht in Richtung Sonnenaufgang, die Frau in Richtung Sonnenuntergang. In prüdem Nordamerika sind nackte Figuren für mich aussergewöhnlich. Dass die beiden die gleiche Haltung haben, ebenso. Wenn ich dagegen an die Figuren von Alberto Giacometti denke, dann sind die Männer in aktiver Bewegung, während die Frauen passiv und wie versteinert dastehen. Bis die Sonne unterging, spazierte ich erst umher und setzte mich danach auf eine Bank im Park.



Für die nächsten Tage ist Regen vorhergesagt. Nach dem Einkaufen fahre ich nach Ucluelet. Der Ort liegt auf einer Halbinsel an der Pazifikküste. Ich buche für zwei Nächte einen Platz auf dem Ucluelet Campground. Die Fahrt auf dem Pacific Rim Highway bei schlechtem Wetter ist nichts Besonderes. In der Umgebung von Ucluelet befindet sich ein Teil der 15 % der Waldfläche auf Vancouver Island, die nicht durch die Holzindustrie genutzt werden. Erst zwei Tage später sagt der Wetterbericht einen trockenen Tag voraus. Deshalb buche ich zwei weitere Tage auf dem Campingplatz. Im Regen und bei kühlem Wetter freizustehen, ist nicht so angenehm. Den Van kann ich wahlweise mit Diesel oder elektrisch heizen. Auf dem Campingplatz benutze ich den externen Stromanschluss und die elektrische Heizung, die auch ruhiger läuft.



So schön, wie der Wetterbericht sagte, war das Wetter dann doch nicht. Es blieb bis zum Abend trocken. Für meine Wanderung musste ich erst einen Kilometer auf dem Fuss- und Veloweg der Hauptstrasse aus dem Ort hinauslaufen. Kaum war ich in den Wald auf den Wild Pacific Trail abgebogen, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gab verschiedene alte grosse Bäume, einige sahen aus wie Skulpturen. An einer Schautafel wurde erklärt, warum ein Baum einseitig eine grosse Wunde hat. Vor ein paar hundert Jahren schnitten die First Nations direkt Bretter aus dem Baumstamm. Die Bäume lebten weiter. Je näher ich dem Meer kam, desto kleiner wurden die Bäume. Der stetige Wind lässt sie nicht so hoch wachsen. Der Weg ist bequem zu gehen und es gibt immer wieder Sitzbänke mit Aussicht auf den Pazifik. Auf dem Wild Pacific Trail wanderte ich bis zu einigen Häusern an der Küste entlang. Ab dort verläuft der Wanderweg entlang der Strasse bis zum Amphitrite Point, wo der Wald wieder beginnt. An der Spitze des Amphitrite Point steht ein Leuchtturm. Ein Rundweg führt durch den ursprünglichen Wald. Gut drei Kilometer musste ich durch den Ort zurück zum Campingplatz laufen. Es war eine lohnende, rund 18 Kilometer lange Wanderung. Kurz nachdem ich beim Van war, fielen die ersten Regentropfen.



Auf den Wetterbericht ist kein Verlass. Es sollte regnen, aber am nächsten Tag war bis gegen Abend schönes Wetter. Trotzdem unternahm ich an dem Tag nicht viel. Um 11 Uhr sollte man vom Campingplatz verschwunden sein. Auch wenn der Platz fast leer war, wurde kontrolliert, ob ich wirklich um 11 Uhr wegfahre. Ich fühlte mich bedrängt. Auf dem Weg nach Tofino liegt das Kwisitis Visitor Centre im Pacific Rim National Park an einem Strand. Es soll die Geschichte der First Nations in der Region zeigen. Laut dem Schild auf dem Parkplatz ist das Zentrum zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet. 150 Meter weiter steht an der geschlossenen Tür der Zusatz „Donnerstag – Montag”. Ich stand am Mittwoch vor der Tür. Keine Geschichte der regionalen First Nation. Das Wetter lud zu einer kleinen Wanderung ein. Von einem anderen Parkplatz aus führt ein 2.5 Kilometer langer Wanderweg an einem alten Radiosendegebäude vorbei zu den Trümmern des Canso Bombers, der 1945 kurz nach dem Start abstürzte. In meinem Wanderführer steht, dass alle zwölf Menschen an Bord überlebten. Der erste Kilometer des Weges verläuft parallel zur Hauptstrasse. Ein bequemer Weg zweigt ab. Nach dem alten Sendegebäude wird der Weg schmal und das erste Stück gleicht eher einem Bachbett. Durch ein Moorgebiet wurden Bretter verlegt. An einigen Stellen musste ich aufpassen, dass ich keine nassen Füsse bekomme. So, wie das Wrack aussieht, ist es für mich schwer vorstellbar, dass alle überlebten. Auf demselben Weg musste ich wieder zurück. Auf dem Parkplatz hätte ich die Nationalparkgebühr zahlen müssen. Da der Automat „Not in Service” anzeigte, war es gratis.



Tofino ist wie Ucluelet ein Sommerferienort. Bei meinem kurzen Rundgang fand ich nichts Spannendes im Ort. Ich fuhr nach Port Alberni zurück. Auf demselben Parkplatz wie vor ein paar Tagen übernachtete ich.



Trotz des schlechten Wetters suchte ich mir auf der Karte eine kleine Strasse aus, die am Comox Lake vorbei nach Courtenay führt. Beim genaueren Hinsehen sah ich, dass die Strasse nur mit einer Bewilligung der Holzindustrie befahrbar ist. Als einfacher Tourist bekomme ich die Bewilligung natürlich nicht. Also fuhr ich auf dem Alberni Highway nach Qualicum Beach. Von dort aus ging es weiter auf dem West Island Highway. Bald darauf ändert sich der Name in South Island Highway. In Courtenay richtete ich mich zunächst auf dem Parkplatz der kleinen Marina ein. Nach einer Stunde im starken Regen buchte ich für drei Tage einen Platz auf dem nahen Puntledge RV Park. Das schlechte Wetter liess sich dort besser aushalten.



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