DadaTux Blog
Zuhause im Van
Zwölf Stunden vor dem Abflug nach Phoenix erhielt ich eine E-Mail von British Airways. Mein gebuchter Flug über London sei zur Air France über Paris umgebucht worden. Sie erwarteten von mir die Bestätigung, dass ich diesen Flug annehme. Der Flug startet statt um 7:10 Uhr um 7:40 Uhr in Zürich. Die Ankunftszeit wird etwa zur gleichen Zeit wie bei meinem ursprünglich gebuchten Flug sein. Eine halbe Stunde mehr Zeit am Morgen ist doch wunderbar. Normalerweise schlafe ich um diese Zeit noch.
Zurzeit reisen nicht mehr so viele Leute in die USA. Der Sitz neben mir blieb leer. Klares Bild: Ich reise wieder allein. Wie jetzt, während ich die ersten Zeilen für diesen Blog entwerfe. Ich befinde mich in einer kargen, trockenen Landschaft nördlich von Phoenix. In der Ferne sehe ich vereinzelte Autolichter. Aus meinen Lautsprechern kommt Musik von Philip Glass, Meredith Monk und Arvo Pärt. Mir wurde kürzlich gesagt, ich hätte einen komischen Musikgeschmack.
Beim Transfer in Paris wurde ich vom Zoll gefragt, wie viel Bargeld ich bei mir habe. Bisher hatte ich nicht das Gefühl, dass ich nach viel Geld aussehe. Die Formalitäten bei der Einreise in Phoenix waren erfreulicherweise kurz und unkompliziert. Bis Anfang November darf ich in den USA bleiben.
In Phoenix ging ich zunächst in ein Hotel. Im Wohnmobil-Lager darf man nicht übernachten und bis der Van sauber ist und bereit für die Weiterfahrt, rechnete ich mit einem Tag Arbeit. Aufgrund der neun Stunden Zeitunterschied zu Zürich war es für mich gefühlsmässig am Nachmittag schon Abend.
Nach einem sehr süssen Hotelfrühstück auf Wegwerfgeschirr fuhr ich mit dem Taxi zum Van. Wie vermutet, war der Van sehr schmutzig. Er stand ein Jahr in diesem Lager. Bis ich alles eingeräumt hatte und den gröbsten Staub gewischt und gesaugt hatte, war es später Nachmittag. Bei 40 °C war ich froh, dass der Van unter einem Dach stand.
Auf dem Weg in die Innenstadt kaufte ich ein. Neben einer Baustelle fand ich einen freien Parkplatz. Am Samstagabend parken hier viele junge Leute. Zwei Blocks weiter beginnt ein beliebtes Ausgangsviertel. Am Sonntagmorgen hörte ich, wie einige sehr betrunkene Leute zu ihren Autos zurückkamen.
Gut 20 Minuten zu Fuss entfernt liegt das Phoenix Art Museum. Ein Besuch lohnt sich nicht nur, weil es im Museum angenehm kühl ist, sondern auch wegen der ausgestellten Kunst. Im ersten Ausstellungsraum, den ich betrat, wurden grossformatige Bilder von Eric Fischl gezeigt. Er lebt in Phoenix. Über dem ersten Bild stand an der Wand „Single & Alone” (Allein & einsam). Zufälle gibt es. Die Bilder gefielen mir. An einem Bild wurde die Arbeitsweise von Eric Fischl gezeigt. Er komponiert das Bild zuerst am PC, welches er danach grossformatig malt. In der Ausstellung „Colorwear: Kaleidoscope of Fashion” fühlte ich mich nicht angemessen gekleidet.
Mit gut 73000 km benötigt der Van neue Reifen. Ich fragte in Phoenix und Bend nach einer Offerte. Die Offerte aus Phoenix war leicht teurer und ich hätte fünf Tage warten müssen. Bei Nachmittagstemperaturen zwischen 38 °C und 43 °C in Phoenix zu bleiben, war für mich keine Option. In den Norden fahre ich sowieso. Bend liegt auf dem Weg nach Bellingham. Dort werde ich Freunde besuchen.
Beim Vanputzen hatte ich die Solarzellen auf dem Dach vergessen. Also fuhr ich noch einmal in den Süden von Phoenix zum WoMo-Lager. Mieter können die Waschanlage kostenlos benutzen. Nach dem Reinigen verbesserte sich die Tagesleistung der Solarzellen um den Faktor 3.5.
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Für eine Nacht blieb ich noch einmal in der Stadt. Danach hielt mich nichts mehr in der Wärme von Phoenix. Etwa 100 Kilometer nördlich von Phoenix, auf 1100 Metern Höhe, schien mir ein guter Ort zum Übernachten. Die Landschaft war trocken und karg. In der Nacht sah ich die Autolichter auf der Hauptstrasse im Tal. Ansonsten hatte ich das Gefühl, weit weg von der Zivilisation zu sein. Am nächsten Morgen sah ich, dass dieses Gefühl trügerisch war. Nur 100 Meter vom Van entfernt entdeckte ich einen grossen Abfallhaufen. In der Nacht war die Temperatur auf 0 °C gefallen. Ein guter Grund, um früh am Morgen die Heizung zu testen. Sie läuft noch.
Im Hallenbad von Flagstaff duschte ich ausgiebig. Leider war eine Wäscherei geschlossen, also benutzte ich eine andere. Dort musste ich eine Plastikkarte mit einem Guthaben kaufen, die nur in dieser Wäscherei gültig ist. Das gesamte Guthaben habe ich nicht aufgebraucht. Im lokalen Bioladen deckte ich mich für die nächsten Tage ein.
Lange überlegte ich, ob ich den Jahrespass für die US-Nationalparks kaufen soll. In den letzten Jahren habe ich den Pass zum gleichen Preis wie die Einheimischen gekauft. Neu müssen Touristen 250 $ statt 80 $ bezahlen. Ich lasse es bleiben, es gibt auch andere schöne Orte. Die kanadische Regierung macht es umgekehrt. Zwischen Mitte Juni und Anfang September ist der Zugang zu den Nationalparks für alle frei.
Im Norden von Arizona ist die Gegend sehr trocken. Auf 2300 m übernachtete ich in einem Kiefernwald mit schwarzen, angebrannten Stämmen. An der Grenze zu Utah liegt Page. Ein neuer Ort, der zeitgleich mit dem Glen-Canyon-Staudamm gebaut wurde. Dieser Damm staut den Colorado River zum Lake Powell. Bei einer Tankstelle konnte ich meinen Trinkwassertank auffüllen und das Grauwasser ablassen. Bei der trockenen Wärme (oder Hitze?) ist es gut, genügend Wasser zu haben.
Auf BLM-Land direkt an der Grenze zu Utah bleibe ich bei einem grossen Viehgatter stehen. Jetzt sieht es nicht so aus, als könnten Rinder hier in der Landschaft Futter finden. Vermutlich ist es zu einer anderen Jahreszeit grüner. Ein Amerikaner auf einer KTM-Enduro spricht mich an. Er ist stolz auf sein österreichisches Motorrad. Er empfiehlt mir einen anderen Platz. Am Wochenende, es ist Samstag, würden immer wieder Jugendliche aus Page hier nachts Party feiern. Weiter oben hätte ich mehr Privatsphäre und mit meinem Van sei das kein Problem dort hin zu fahren. Ausserdem könne man kleine Wanderungen durch den Sand und die Felsen unternehmen. Nur der Wind könne ab und zu heftig sein. Die Nacht war ruhig. Am nächsten Morgen spazierte ich durch die sandige und felsige Landschaft. Ein alter Trampelpfad, der in eine schmale Schlucht führte, war mit dichtem Gestrüpp zugewachsen. Ich hatte gute Schuhe an, aber ich wollte nicht mit kurzen Hosen durch das Gebüsch klettern. Nach zwei Stunden hatte ich genug gesehen. Kurz vor Sonnenuntergang rüttelten heftige Böen am Van. Ich schloss die Fenster, um den aufgewirbelten Sand draussen zu lassen. Nach 45 Minuten war es wieder ruhig.
Am Montag, der in den USA nicht Pfingstmontag, sondern Memorial Day war, gab es viel Ausflugsverkehr. In der Kleinstadt Kanab begrüssten mich viele US-Flaggen am Strassenrand. Der Ort wurde vor 150 Jahren von mormonischen Pionieren gegründet. Die Auswirkungen sind heute noch vorhanden. Vor 20 Jahren wurden die Glaubenssätze der Quiverfull-Bewegung vom Stadtrat übernommen. Diese Bewegung lehnt Geburtenkontrolle ab und vertritt das KKK-Frauenbild (Kirche, Kinder, Küche). Die Gegend wird auch „Little Hollywood” genannt. Hier wurden einige Westernfilme gedreht. Im kleinen Little Hollywood Movie Museum kann man der Geschichte nachgehen. Mich zieht es zum kleinen Jackson Flat Reservoir, das sich südlich von Kanab befindet. Ein angenehmer Ort mit gutem Handyempfang, um diesen Beitrag fertigzustellen.
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