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British Columbia, Yukon: Mücken und Fliegen

Am Heart Lake im Pine Lake Provincial Park habe ich zwei Nächte verbracht. Ich stellte den letzten Blogbeitrag fertig. In einer Van-Life-Facebook-Gruppe veröffentlichte ich das Foto, auf dem ein Schwarzbär neben meinem Van vorbeiläuft. Dazu schrieb ich, dass solche Erlebnisse beim Frei-Stehen in der Natur möglich sind. Mit „frei stehen” meinte ich, nicht auf einem Campingplatz zu stehen. Ich nahm an, dass die Leute der Gruppe dies so verstehen würden. Dem war nicht so. Die Reaktionen reichten von „Abenteurertum” und „ich soll die Natur in Ruhe lassen” bis „oh toll”. Fotos zeigen jedoch immer nur einen Ausschnitt. Auf dem Foto ist nicht zu sehen, dass sich auf der anderen Seite, 30 Meter vom Van entfernt, Bahngleise befinden. Beim Fotografieren stelle ich mir immer wieder die Frage, ob ich den Strommasten oder den Abfall mit aufs Bild nehmen soll oder einen anderen Ausschnitt wählen soll. Soll ich die idyllisch schöne touristische Welt (ich bin ja Tourist) fotografieren oder nicht?

Gaspipeline über Pine Riveran der BC 97Chetwynd

Gegen Abend kam ein kleiner Van mit deutschen Kennzeichen an. Regina und Berthold aus dem Schwarzwald haben fünf Monate Zeit, um durch Kanada und Alaska zu reisen. Ursprünglich wollten sie die Reise vor sechs Jahren machen, doch dann kam Corona und verhinderte die Reise.

In Chetwynd machte ich bei den Holzskulpturen Halt. Jährlich findet hier ein Wettbewerb im Holzschnitzen mit Motorsägen statt. Für die Weiterfahrt wählte ich die BC 29, wo ich wieder die roten Kleider am Strassenrand sah. Sie erinnern an die nach wie vor aktuellen Femizide an indigenen Frauen. Die BC 29 verläuft zum grossen Teil am breiten Peace River entlang. Der Fluss macht eher den Eindruck eines langen, schmalen Sees. Auf einer Anhöhe mit schöner Aussicht, 100 Meter über dem Fluss, übernachtete ich. Hier bekam ich am späten Abend Besuch von einem Hirsch.

ChetwyndChetwyndFemizid

Nach einer Weiterfahrt von rund 15 Kilometern mündet die BC 29 in die BC 97, den legendären Alaska Highway. Heutzutage ist es ein meist breites Asphaltband durch Kanada. Zeitweise sieht man auf der einen oder beiden Seiten abgebrannten Wald, dann wieder grüne Laub- und Nadelwälder. Auf beiden Strassenseiten befindet sich ein 50 Meter breiter, baumloser Wiesenstreifen. Ich vermute, dass dieser dazu dient, die Strasse bei einem Waldbrand nicht zu beschädigen. Kurz vor Fort Nelson sah ich einen Schwarzbären im Wiesenstreifen.
In Fort Nelson sah ich die beiden Schwarzwälder wieder. Sie übernachteten auf dem Campingplatz, ich parkte den Van im Ort auf einer ruhigen Seitenstrasse ohne Häuser.

FemizidPeace RiverPeace River

Ich spazierte zum Museum. Als ich das letzte Mal hier war, konnte ich es wegen eines Stromausfalls nicht besichtigen. Heute war ich zu spät, eine halbe Stunde vor Torschluss. Neben dem Museum liegt der Campingplatz. Dort sah ich ein Zürcher Wohnmobil. Adeline und Roland sind seit 14 Monaten mit ihrem fast 40 Jahre alten WoMo unterwegs. Zunächst waren sie in Europa und Marokko, seit April sind sie in Kanada. Ihr Ziel ist irgendwann Mittelamerika. Später fand ich Regina und Berthold doch noch auf dem Campingplatz. Auf dem Rückweg zum Van kaufte ich mir eine Pizza. Am späten Abend hatte ich keine Lust mehr zu kochen.

Peace RiverPeace RiverPeace River

Am Morgen spazierte ich zum Freizeitzentrum und gönnte mir eine ausgiebige Dusche und Sauna. Wegen eines schweren Verkehrsunfalls 250 km von Fort Nelson entfernt war der Alaska Highway am Morgen gesperrt. Eile hatte ich sowieso nicht. Ich wollte noch einkaufen, Diesel und Wasser tanken und im Touristeninformationszentrum die neue Ausgabe von «The Milepost» kaufen. Das ist die detaillierte Strassenbibel von Westkanada und Alaska.

Alaska HwyAlaska HwyAlaska Hwy

Die Schwarzwälder und Zürcher waren schon weitergefahren. Unterwegs bekam ich ein Foto von Regina. Sie waren in ein schweres Gewitter mit Hagel geraten. Auf dem Bild sah es aus wie Schnee. Auf meiner Weiterfahrt kam ich „nur” in starke Regenfälle. Selbst auf der höchsten Stufe brachten die Scheibenwischer keine Sicht. Für mich ist die Strecke des Alaska Highways zwischen Fort Nelson und Watson Lake die schönste. Sie führt durch die Berge und an Seen entlang. Direkt am Muncho Lake habe ich den Van für die Nacht abgestellt. In der Nacht gibt es kaum Verkehr.

alte LKWAlaska HwyAlaska Hwy

Ohne Handydatenempfang dauert mein Frühstück nicht so lange. Das Weltgeschehen und die sozialen Medien erreichen mich nicht. Auch keinen Wetterbericht, der hat beim Unterwegssein mit dem Van auch nicht den Stellenwert wie beim Segeln. Gegen Mittag wurde das Wetter warm und sonnig. Leuchtschriften am Strassenrand warnten vor Bisons auf der Strasse. Ich sah eine Elchkuh mit einem Jungen und drei Schwarzbären, aber keine Bisons. Am Strassenrand sah ich immer wieder kahle Stellen in der Wiese, in denen sich Bisons suhlen. Ich dachte schon, dass die Bison-Warnungen einfach vorbeugenden Charakter haben. Bis plötzlich ein Bisonbulle vor mir am Strassenrand lief. Ein entgegenkommender 63-Tonnen-Lkw löste bei ihm keine merkliche Reaktion aus – ich auch nicht. Später sah ich nahe Watson Lake eine ganze Bisonherde, die friedlich neben der Strasse graste.

Toad RiverAlaska HwyMuncho Lake

Watson Lake wurde durch den «Sign Post Forest», den Signaltafelwald, berühmt. 1942 wurde der Alaska Highway durch das US-Militär (mit zusätzlicher Unterstützung) gebaut. Ein US-Soldat hängte aus Heimweh ein Schild seiner Heimatstadt auf. Mittlerweile hat der Schilderwald um die 80000 Schilder. Einige sind liebevoll handgemacht, aber leider sind sie in der Minderheit. Besonders auffällig sind die gelben Ortstafeln aus Deutschland, Autonummern und Schweizer Wanderwegweiser. Von mir wird hier kein Schild hängen, ich lasse nur meine Gedanken zurück.

Muncho Lake23 Muncho LakeMuncho Lake

Am Morgen wurde ich von Möwen auf dem Dach geweckt. Als ich die Dachluke bewegte, flogen die Möwen weg. Im Freizeitcenter duschte ich ausgiebig. Mir scheint, dass die Duschen in den letzten zwei Jahren erneuert wurden. Je weiter ich nordwärts fahre, desto spärlicher wird das Gemüseangebot. Biologische Lebensmittel gibt es gar nicht mehr. Vielleicht noch in Whitehorse. Diese Stadt liegt mir jetzt allerdings nicht auf dem Weg.

Mit vollem Dieseltank biege ich in den Robert Campbell Highway YK 4 ein. „Highway” klingt so gross. Die zweispurige Strasse ist in den ersten 110 Kilometern bis zum Tuchitua River asphaltiert. Die folgenden 300 Kilometer sind eine gut befahrbare Schotterstrasse. Die letzten 140 Kilometer bis nördlich von Carmacks sind wieder asphaltiert. Dort trifft die Robert Campbell Highway auf den Klondike Highway (YK 2).

Alaska HwyLiard RiverBison

Auf dem Weg nach Dawson City ist es die kürzere Strecke als über den Alaska Highway, Whitehorse und den Klondike Highway. Trotzdem braucht man mehr Zeit zum Fahren und Handyempfang ist sehr selten. Es ist eine schöne, ruhige Strecke mit sehr wenig Verkehr. Auf der einen Seite liegen die Logan Mountains und auf der anderen die Pelly Mountains. Am Aussichtspunkt auf den Finlayson Lake bleibe ich über Nacht. Dabei kommt mir Finlay, der Enkel von Nanita, in den Sinn. Beim Tischfussball hatte ich nie eine Chance, gegen ihn zu gewinnen. Selbst zu zweit mit Nanita gegen Finlay hatte ich das Gefühl, dass er uns ab und zu gewinnen liess.

Sign Post Forest Watson LakeSign Post Forest Watson LakeSign Post Forest Watson Lake

Am Morgen strich ich mich mit Anti-Mücken-Mittel ein. Wenn ich für ein Foto aussteige, „bezahle” ich es mit Mückenstichen. Und immer schaffen es ein paar in den Van. Wenn ich sie mal erwische, hinterlassen sie eine Blutspur – mit meinem Blut! So viele Mücken und Fliegen wie dieses Jahr habe ich in Kanada noch nie erlebt.

Sign Post Forest Watson LakeFinlayson LakeFinlayson Lake

In Ross River machte ich meinen ersten Halt. Eine gewaltige Fussgängerbrücke überspannt den Pelly River. Ursprünglich wurde die Brücke für die Canol-Pipeline (Canadian American Norman Oil) während des Zweiten Weltkriegs gebaut. Die Pipeline existiert nicht mehr, nur die dazugehörige Strasse ist noch vorhanden. Mit der Kabelfähre kann man den Pelly River überqueren und auf dem nördlichen Teil der Canol Road bis in die Nordwest-Territorien fahren. Die schmale South Canol Road von der Alaska Highway nach Ross River bin ich vor zwei Jahren gefahren. Beim lokalen Wasserwerk füllte ich Trinkwasser auf. Dort traf ich ein deutsch-italienisches Paar mit einem selbst ausgebauten Lieferwagen der Deutschen Post.

Robert Campbell HwyRobert Campbell HwyCoffee Lake

Leicht oberhalb von Faro wählte ich wieder den Parkplatz zum Arboretum Trail zum Übernachten. Der Parkplatz ist der Ausgangspunkt für den kurzen, 1.2 km langen Waldlehrpfad. Ich dachte immer, dass die Bäume mit der weissen Rinde hier eine Art amerikanische Birke sind. Weit gefehlt, es sind Zitterpappeln (Espe).

Ross RiverRoss RiverLapie Canyon

Als ich das letzte Mal in Faro war, wollte ich die alten, stillgelegten Bergwerke sehen. Anscheinend waren dies die grössten Zink- und Bleibergwerke Nordamerikas. Die Strasse ist gesperrt. Auf Staatskosten wird alles über viele Jahre hinweg umweltgerecht saniert. Die Kostenschätzung liegt bei 1 Milliarde CA$ (570 Mio. CHF/617 Mio. €).

FaroFaroFaro

Ausser im Sommer, also jetzt, kann man in der Gegend wilde Fannin-Schafe beobachten. Trotzdem fuhr ich die zehn Kilometer Schotterstrasse bis zum «Mount Mye Sheep Centre». Von dort aus gibt es einen Wanderweg zu den «Mineral Lick Bluff»” über dem Pelly River. Die Schafe sollen dort gerne die mineralhaltigen Felsen lecken. Der Weg war jedoch mit einem Schild gesperrt. Die Schafe sollen nicht gestört werden. Ob das Schild, das recht neu aussah, wirklich noch aktuell war? Ich hielt mich daran und lief auf einem anderen Weg durch den Wald. Es pfiff ein kühler Wind.

FaroMount Mye Sheep CentreMount Mye Sheep Centre

Am Sonntag ist das Freizeitcenter in Carmacks zum Duschen geschlossen. Deshalb wollte ich nicht direkt dorthin fahren. Abseits der Robert Campbell Highway liegt der Frenchman Lake. Am See liegen zwei minimalistische Campingplätze. Vielleicht könnte ich trotz des schlechten Wetters dort am See stehen. Es gab jedoch keine freien Plätze am See. Warum sollte ich für einen Platz im Wald bezahlen, wenn ich es auch umsonst haben kann? Auf diesen Campingplätzen gibt es PlumpsWC, Feuerstellen und Holz, Sitzbänke und Abfalleimer. Ein Lagerfeuer mache ich nicht, ein eigenes WC, Campingstühle und einen Tisch habe ich dabei. Einen geeigneten, ebenen Platz zu finden, war nicht schwer. Draussen zu sitzen war nicht angesagt. Es war recht kühl und die raren sonnigen Momente wechselten sich mit viel Regen ab.

Frenchman LakeRobert Campbell HwyYukon River

Am Morgen fuhr ich auf der Frenchman Lake Road zur Robert Campbell Hwy YK4 zurück. Kurz nach der Kreuzung folgt die YK4 dem Yukon River nach Carmacks, einer der grösseren Ortschaften der Region. An der Tankstelle des General Stores füllte ich den Dieseltank. Auf dem zugehörigen Campingplatz könnte man duschen. Ich zog es jedoch vor, die Dusche im Freizeitcenter auszuprobieren. Erst später bemerkte ich, dass mir beim Bezahlen die 10-CA$-Note einfach in Kleingeld gewechselt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits weggefahren.

Five Finger RapidsFive Finger RapidsFive Finger Rapids

Bei den «Five Finger Rapids» hielt ich an. Es regnete nicht, also ging ich optimistisch ohne Regenjacke zum Yukon hinunter. Früher, um 1880, kamen die Goldgräber mit Booten den Yukon hinauf. Die Stromschnellen um die vier Felsen im Yukon waren die gefährlichste Stelle der Reise. Bis in die 1950er Jahre diente der Yukon als Verkehrsstrasse. Als ich unten am Fluss war, fielen die ersten Regentropfen. Es waren nicht die ersten des Tages. Sportlich lief ich den Weg am Fluss zurück und anschliessend die Treppe hinauf. Ich zählte 229 Stufen; im «The Milepost» stehen 219. Ob ich mich verzählt habe oder die Autoren von «The Milepost», weiss ich nicht. Nahezu trocken stieg ich in den Van.

Pelly CrossingPelly CrossingBaustelle

70 Kilometer vor Pelly Crossing wird ein zwölf Kilometer langes Stück Strasse neu gemacht. Danach ist Slalomfahren angesagt. Es häufen sich hässliche Schlaglöcher. Sie sind in der Regel gut sichtbar. In ein grösseres Loch mit den erlaubten 90 km/h hineinzufahren, wäre nicht gut für das Fahrzeug. Da der Gegenverkehr selten ist, ist das Ausweichen leicht.

Gravel LakeDawson CityDawson City

Der freie Campingplatz in Pelly Crossing war voll belegt. Trotzdem fand ich einen Platz zum Bleiben. Auf diesem Platz hatte ich früher mit einem Schweizer Paar gestanden. Als ich aufstand, war der Platz leer. Ich erwachte um 6 Uhr, schlief kurz danach nochmals bis 9:30 Uhr ein. Für die 250 km bis Dawson City musste ich mich nicht beeilen. Ich reservierte mir einen Platz auf dem Campingplatz in der Stadt. Die letzten Male war ich auf einem Campingplatz ausserhalb der Stadt. Die Kommentare zu diesem Campingplatz sind immer noch schlecht. Vor zwei Jahren haben die alten, schlecht funktionierenden Waschmaschinen zwei meiner Lieblings-Merino-T-Shirts beschädigt. Die WoMo auf dem Campingplatz in der Stadt stehen sehr nah beieinander, fast wie auf einem Supermarkt-Parkplatz. Entgegen der Werbung ist das WLAN sehr langsam. Nach dem Parken auf dem Campingplatz ging ich in die Stadt für ein Ice Creme. Diesmal hatte ich kein Glück mit dem Regen. Als ich mit der grossen Glacé vor der Eisdiele sass, kamen die ersten Regentropfen. Zunächst hoffte ich, dass es nicht stärker regnen würde, doch ich irrte mich und kam nass beim Van an.

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Donnerstag, 02. Juli 2026

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