Schriftgröße: +

Erste Schritte im patagonischen Chile

Ushuaia verlassen wir Anfang Januar und segeln ostwärts nach Puerto Williams, dem Einklarierungshafen für Chile. Club Naval de Yates Micalvi (dem südlichsten Yachtclub der Welt) ist unser Ziel, nur ca. 25 nm von Ushuaia entfernt und legen im Päckchen mit 4 anderen Booten an. Micalvi ist ein auf Grund gesetztes Boot, woran man sich vertäut, der ehemaligen Aufenthaltsraumes des Schiffes bietet einen WiFi Spot, eine Bar (aktuell ausser Betrieb) und ist Treffpunkt der SeglerInnen aus aller Welt. Toiletten, Duschen und Stromanschlüsse sind in einem eher desolaten Zustand, da seit geraumer Zeit kein Unterhalt (gehört zur Armada) gemacht wird. Es fehlt zur Zeit ein „Hafenmeister“. Dies ändert jedoch nichts an seinem Charme. Lucipara2 (Holland) begrüsst uns und einige Tage später stösst Maramalda (Schweiz) dazu, beides SY die in der WhatsApp Patagoniengruppe sind und wir schon kennen.

Caleta Lennox Maramalda in der Caleta Maxwell Maramalda in der Caleta Maxwell
Auf der Maramalda (einer sehr gepflegten HR 43) von Dani und Rita legen wir in Richtung Kap Hoorn ab. Nicht ohne vorher gemeinsam gut geplant, die Bewilligung eingeholt und das Wetter genau „studiert“ zu haben. Die Umrundung erfolgt von West nach Ost. Die chilenische Armada schreibt genau vor, wo man durch segeln darf – es sind doch erhebliche Einschränkungen -. Auf der Insel Lennox verbringen wir unsere erste Nacht mit einem französischen Boot als Nachbarn. Das Ankermanöver gelingt auf Anhieb, Landleinen sind keine gefragt. Tags darauf ankern wir in der mit Kelp stark „ausgeschmückten“ Bucht Maxwell, sicher mit zwei Landleinen durch Rita und Hansueli befestigt. Die Landschaft wird karger, steile nackte Felswände umgeben uns, dazu kommt der Schwell vom Pazifik.
Optische Täuschung Optische Täuschung Pinguine
Fata Morganas tricksen uns aus. Wir sehen von weitem bizarre Felsformationen, die sich etwas später in Luft auflösen. In der Caleta los Leones (Isla Hornos) ankern wir um mit dem Dinghi zum Kap Hoorn, die Holzstufen zum Leuchturm hinauf zu steigen, die Aussicht zu bewundern und uns im „Gästebuch“ ein zu tragen. Wind und Wetter zeigen sich ausnehmend freundlich, es entsteht kein „gruseliges“ Kap Hoorn Gefühl.
Morgenstimmung beim Kap Hoorn Morgenstimmung beim Kap Hoorn Sonnenaufgang beim Kap Hoorn
Ein Erlebnis ist es allemal und die diversen Stempel im Pass und eine Urkunde ausgestellt vom Kap Hoorn Wärter sind, nebst den persönlichen Eindrücken, eine eindrückliche Erinnerung. Nun sind doch stärkere Winde angesagt und wir beeilen uns den Rückweg unter die Segel zu nehmen. Einen Zwischenstopp gibt es noch in Puerto Toro (Insel Navarino), danach geht es zurück nach Puerto Williams. In vier Tagen umrunden wir zu viert Kap Hoorn.

Ankern beim Kap Hoorn Leuchtturm Kap Hoorn Albatrosmonument Kap Hoorn

Puerto Williams nochmals an Ushuaia vorbei Beaglekanal
Die grobe Routenplanung für die Weiterfahrt steht – Beaglekanal, Brazo Noroeste, Canal Ballenero, Canal Cockburn, Canal Acwalisnan, Estrecho de Magallanes, Canal Smyth, Estero Collingwood, Canal Sarmiento, Canal Inocentes, Canal Concepciòn, Canal Wide, Paso del Indio, Puerto Eden.
Caleta Ferrari Caleta Ferrari Caleta Ferrari

Caleta Ferrari Caleta Ferrari Biber Caleta Ferrari

Caleta Olla Caleta Olla Caleta Olla
Bis Puerto Eden (etwa 660 nm von Puerto Williams entfernt) ankern wir in 13 Buchten, meistens alleine, einige Male mit der SY Kama*, wettern einige Tage im Beaglekanal (Caleta Ferrari und Caleta Olla) und im Canal Cokburn ab und gelangen nach 20 Tagen bis nach „Eden“. Hier liegen zur Zeit 4 SY, was kaum je vorkommt. SY Kama* mit Margrit, Katja und Ernst, sind bis jetzt in etwa die gleichen Tage und die selben Strecken unterwegs. Wir sprechen uns über Funk, in der gleichen Bucht treffen wir uns zum Apéro, Znacht und/oder machen gemeinsame Landausflüge. Es gibt eine gewisse Sicherheit, auch wenn man sich nicht sieht, zu wissen, dass ein anderes Schiff in der Nähe ist und ggf. Hilfestellung bieten oder mindestens holen kann.

Caleta Olla Beaglekanal Gletscher bis an den Beagle Kanal

Gletscher am Beagle Kanal Caleta Silva Canal Ballenero
Caleta Akar Fuchs auf seiner AbendtourCaleta Akar Morgenstimmung  Caleta Luis
Seglerisch ist die Strecke von Ost nach West eine Herausforderung – Wind und Strömung sind meistens gegen an. Wir jubeln beinahe, wenn kein Wind aufkommt, sich keine Welle aufbaut, eine paradoxe Situationen für SeglerInnen. Der Motor läuft in der Regel, mindestens unterstützend, und die Segel helfen ein wenig. Aufkreuzen kann ein „Treten an Ort“ oder sogar ein Feld zurück sein. Es ist oft regnerisch, verhangen und für sommerliche Verhältnisse sehr kühl. Morgens ist es im Schiff so ungefähr 10° Celsius, feucht trotz der Doppelverglasung und wir sind froh über die Heizung. Für uns bewährt hat sich eine Heizdecke, welche wir etwa eine halbe Stunde vor dem zu Bett gehen anstellen. So schlüpfen wir in ein warmes trockenes Bett.

 Caleta Luis um 8:30Caleta Luis um 11:30Kelp
Trotzdem gibt es sie auch, die sonnigen Tage mit uns freundlich(er) gesinnten Winden und dann heisst es Strecke machen was das Zeug hält. Hart am Wind wird gesegelt, mit vorsichtiger Besegelung, da die Böen sehr unberechenbar sind und problemlos das Doppelte oder mehr von der normalen Windstärke sein können.

KelpPasso O'Rayn mit Kama* Magellan Strasse
Entschädigt werden wir durch die eindrücklichen Landschaften, die sich ab und zu ganz zeigen. Gletscher, vor allem im Beaglekanal, Schneeberge, jedoch sehr wohl im verhangenen Zustand ihren Reiz haben, das einzigartige Lichtspiel, die zerfurchte, zerklüftete Inselwelt, kahle nackte Felsen, wie Elefantenhaut unter dem Mikroskop aussehend, die kleineren und grösseren Eisberge, welche tagelang wie eine Karawane an uns vorbei ziehen. Die angedachten „Besuche“ in die Gletscherkanäle, Seno Pia und Seno Ventisquero, lassen wir in Folge dichtem Nebel aus. Nicht zu vergessen die zahlreichen Wasserfälle, die sich von hoch oben, manchmal teilend, ins Meer stürzen, die grünen Bäume an den windgeschützten Orten. Kein Stamm ist gerade gewachsen, jeder „erzählt“ seinen Werdegang.

Caleta Gallant mit Lucipara2Magellan Strasse Magellan Strasse
Wir erfreuen uns über bekannte und unbekannte (auch nicht erkannte) zahlreichen Tiere im Wasser und auf dem Land. Unter andern sehen wir einen vom Aussterben bedrohten „Zorro colorado“ (einheimischer Fuchs) welcher uns in der Akarbucht begrüsst, Guanacos, ein Nerz, div. Robbenarten, Pinguine, Albatrosse, Kaiserkormorane, Sturmvögel, Kondore, fliegende und nicht fliegende Dampfenten, südamerikanische Schwalben, Austernpicker, Kolibris, Otter, Delfine, Wale...

Magellan StrasseCaletas Playa Parda Caletas Playa Parda
Das Aussuchen der Ankerbuchten geschieht unter zu Hilfenahme dreier Segelführer (Patagonia Tierra del Fuego, auch die „Bibel“ genannt unter den SeglerInnen, von Rolfo / Andrizi, „the first Yachtsman`s Naviagator Guide“ von Alberto Mantellero und „Chile - Arica Desert to Tierra del Fuego von Andrew O`Grady. Die Wettervorhersage, welche wir von predict wind über das Iridium go herunterladen entscheidet mit in welcher Bucht wir geschützt ankern können. Wir berechnen die ungefähre mögliche Tagesdistanz und suchen so unsere möglichen Ankerbuchten aus. Oft hat nur ein Boot pro Bucht Platz, ab und zu geht es zu zweit oder dritt oder man liegt zu zweit im Päckchen. Das Ankern mit Landleinen (1-4, je nach Bucht und vorherrschenden Winden) bedarf einiger Übung und ist, vor allem für mich, am Anfang ein echter Stressfaktor. Mittlerweile sind wir schon etwas geübter, haben die Technik für uns gefunden – mindestens für den Moment.
Magellan Strasse Puerto TamarMagellan Strasse Puerto Tamar Canal Smyth
In der Regel sind die Ankerbuchten, ist man einmal innen, ruhig und man hat Zeit sich zu vertäuen. Wir lassen das Dinghi vor dem Anker setzen ins Wasser, bereiten Leinen, Ruder, evtl. Dinghianker, Ösfass vor, und Hansueli rudert sobald der Anker mit vorerst wenig Kette hält (was er nicht immer macht) an Land. Ich versuche in der Zwischenzeit das Boot „ruhig“ zu halten, damit es nirgends touchiert. Wenn immer möglich ziehen wir die Leinen zurück zur Dada Tux. Das erspart uns am Morgen das erneute Herunterlassen des Dinghis, an Land rudern und Leinen lösen, zurück zum Schiff, Leinen verstauen, Anker auf….Nicht zu unterschätzen ist der Kelp, welcher sich auch bei „sauberen“ Ankerplätzen an Ankerboje und Anker festhakt und ohne Kelpschneider und Bootshaken geht es nicht.
Canal SmythCanal Smyth  Kelp am Anker
Zusammen gefasst heisst das, dass wenn wir Landleinen setzen benötigen wir zusätzlich zum ankern 1-2 Stunden bis wir los können, resp. abends ruhig schlafen können. In einigen Buchten kann man frei schwojen; diese stehen auf unserer Prioritätenliste. Wir setzen jedoch, je nach unserer Einschätzung Leinen bei Ankerbuchten welche als „keine Landleine nötig“ bezeichnet sind. Nach getaner Arbeit werden wir mit lieblichen, immer wieder anders geformten, üppig grünen Buchten, oft mit einem kleinen oder grösseren Wasserfall versehen, Delfinen, sogar Walen, Seevögeln, belohnt. Bis Puerto Eden fühlen wir uns in jeder Bucht gut geschützt und sicher, haben keine Fallböen, keinen Schwell und können ruhig und sicher schlafen.

 Delfine begleiten uns in Canal Wide Delfine begleiten uns in Canal WideKama* mit Eisschollen im Canal Wide
Zwei Mal täglich melden wir unsere Position per Mail der „Armada“. Wir haben nicht das Gefühl, dass die verschiedenen Stationen davon unterrichtet sind, werden wir doch oft über VHF Kanal 16 aufgerufen um die immer wieder gleichen Fragen nach Crewzahl, letztem Ort, nächstem Ort, vorgesehene Ankunftszeit etc. zu beantworten. Dies geschieht jedoch auf sehr freundliche Art und alle wünschen uns eine sichere Fahrt und Zielerreichung.

Estero Dock Estero Dock MorgenstimmungCanal Escape
Herausfordernd, vor allem für Hansueli, sind die immer wieder auftretenden kleinen und grösseren „Probleme“ der Dada Tux, sei es eine Pumpe, die nicht pumpt, der Bilgenalarm, welcher losgeht. Etwas Sorge bereitet uns aktuell, dass wir unsere Batterien nicht voll laden können und dass trotz Stunden langem „motoren“ die Batterien eine Ladung von nur etwas über 80% anzeigen. Hansueli ist auf der Suche des Übels, kriecht über Stunden im Boot umher, kontrolliert Ein- und Ausgänge, misst die Spannung…

Puerto Eden Puerto Eden Puerto Eden
Eine ganz andere Herausforderung ist ein abwechslungsreiches und gesundes Essen über Wochen ohne frische Einkäufe auf den Teller zu bringen. Nach drei Wochen unterwegs können wir hier in Puerto Eden unseren Vorrat mit einigen Früchten, etwas Gemüse und Salat von dem ein Mal die Woche kommenden Schiff aus Puerto Montt aufstocken. Wie verarbeite ich zehn Butternutkürbisse, einige Rot- und Weisskabisse, Randen (rote Bete), Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln, Knoblauch, Eier zu immer wieder leckeren Gerichten. Der Fantasie und deren Ausübung sind keine Grenzen gesetzt.

Puerto Eden Puerto Eden Puerto Eden
Ab und zu kreuzen wir kleine Fischerboote, manchmal begegnen wir einem Frachter.

Wir bereiten uns für die nächste Etappe, über den Golfo de Penas und weiter nördlich vor.

Wal Albatros

Von „Eden“ nach Puerto Chacabuco
Beagle zu Magellan und weiter
 

Kommentare 4

Gäste - Ludwig Drapalik (website) am Sonntag, 17. März 2019 06:10
Eindrucksvolle Etappe mit vielen Bildern

Viele eindrucksvolle Bilder unterstreichen die schöne Wildheit dieses Gebietes. Zum Teil mit Eis-Schollen, die im Wasser schwimmen zeigen, dass die Dada tux nun in antarktischen Gewässer befindet. Es lohnt sich die einzelnen Bilder in vergrösserter Abbildung zu betrachten.

Das patagonische Chile ist ein wildes und anspruchsvolles Segelgebiet. Wo genaue Navigation auf Sicht und Karten sehr wichtig ist. Ein Revier, das Euch sicher in langer Erinnerung bleibt.

Vielen Dank für die eindrucksvolle Reportage und die schönen Bilder. Sicher ein echtes Highlight Eurer Reise !

Viele eindrucksvolle Bilder unterstreichen die schöne Wildheit dieses Gebietes. Zum Teil mit Eis-Schollen, die im Wasser schwimmen zeigen, dass die Dada tux nun in antarktischen Gewässer befindet. Es lohnt sich die einzelnen Bilder in vergrösserter Abbildung zu betrachten. Das patagonische Chile ist ein wildes und anspruchsvolles Segelgebiet. Wo genaue Navigation auf Sicht und Karten sehr wichtig ist. Ein Revier, das Euch sicher in langer Erinnerung bleibt. Vielen Dank für die eindrucksvolle Reportage und die schönen Bilder. Sicher ein echtes Highlight Eurer Reise !
Gäste - Marianne am Sonntag, 17. März 2019 09:48
Sehr beeindruckend..ich lese lese und gehe mit euren Erlebnissen mit und verknüpfe sie mit meinen kurzen eigenen Erlebnissen.

och wünsche euch weiterhin sichere Reise

:ooch wünsche euch weiterhin sichere Reise
Gäste - Ursula + Hansueli am Sonntag, 17. März 2019 10:06
Tolle Erlebnisse und wunderschöne Bilder

Vor bald 20 Jahren durchquerten wir auch einmal Patagonien (auf einem Kreuzfahrt-Schiff). Bei Euren tollen Bildern kommen wieder Erinnerungen daran auf!
Weiterhin gute Fahrt und alles Gute wünschen
Ursula und Hansueli aus Oensingen

Vor bald 20 Jahren durchquerten wir auch einmal Patagonien (auf einem Kreuzfahrt-Schiff). Bei Euren tollen Bildern kommen wieder Erinnerungen daran auf! Weiterhin gute Fahrt und alles Gute wünschen Ursula und Hansueli aus Oensingen
Gäste - Klaus (website) am Donnerstag, 21. März 2019 01:03
Gruss von der ‚September‘

Liebe Dada Tuxler
Schoen zu lesen, dass es Euch so gut laeuft da unten! Geniesst es!
Elgard ist gerade auf CH - Urlaub, damit ich in Ruhe die vielen Arbeiten koordinieren oder selber ausfuehren kann.
Wir sehen uns dann in der Suedsee!
Liebe Gruesse
Klaus von der ‚September‘

Liebe Dada Tuxler Schoen zu lesen, dass es Euch so gut laeuft da unten! Geniesst es! Elgard ist gerade auf CH - Urlaub, damit ich in Ruhe die vielen Arbeiten koordinieren oder selber ausfuehren kann. Wir sehen uns dann in der Suedsee! Liebe Gruesse Klaus von der ‚September‘
Gäste
Sonntag, 19. Mai 2019

Sicherheitscode (Captcha)